Der Kongo hatte sich gerade in Zaire umgetauft, und der Kalte Krieg spitzte sich zu. Der afrikanische Kontinent zerfiel zunehmend in Ost und West – praktisch der Länge nach in zwei Teile. Unter diesem Aspekt beschloss der Bundesnachrichtendienst, auch in Kinshasa präsent zu sein und eine Residenz zu eröffnen. Das Vorkommando war bereits vor Ort und hatte im Stadtteil Ngaliema, einem vornehmen Residenzviertel, die Villa eines engen Vertrauten Mobutos, der sich gerade in Sese Seko („Hahn der Hähne“) umgetauft hatte, angemietet. M. Bomboko, der heute noch in Kinshasa lebt, wenn auch etwas bescheidener, verpachtete uns sein Haus. Der Deal war gekonnt eingefädelt. Der Bundesnachrichtendienst finanzierte mit wenig Geld den Bau des Hauses. Dafür bekamen wir für 15 Jahre Wohnrecht. Im Nachhinein eine kluge, vorausschauende Entscheidung, die nach heutigen Verwaltungsvorschriften nicht durchführbar wäre. Die Mietpreise kletterten ins Astronomische. Am 12. Mai 1970 kam ein Anruf des Dienstes gegen 22 Uhr, eine beliebte Zeit. Am Telefon fragte mich jemand kurz und bündig, ob ich am nächsten Morgen um zehn Uhr in der Sabena-Maschine nach Kinshasa sitzen könnte. Grund: Ein Kollege sei schwer verunglückt. Die Nacht war gelaufen, und meine Gedanken kreisten um den Chaosstaat Zaire. Am anderen Tag stand ein Dienstwagen vor der Tür, der mich im Eiltempo zum Flughafen München-Riem brachte. Man hatte alles vorbereitet und übergab mir die notwendigen Papiere und etwas Geld. Der Flug wollte nicht enden, und als ich am Abend aus dem Fenster die Buschfeuer brennen sah, wusste ich, dass die Landung in Ndili, dem Flughafen Kinshasas, unmittelbar bevorstand. Ich machte mir Sorgen, ob mich jemand abholen würde. Auf eigene Faust von Ndili in die Stadt zu fahren wäre lebensgefährlich gewesen, erst recht bei Dunkelheit. Die Verhältnisse von 2003 unter Kabila sind denen von 1970 ebenbürtig. Ich hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet, als ein baumlanger Kongolese auf mich zukam und fragte: „Vous, c´est M. Helmut?“ Ich sagte: „Oui“, worauf er wortlos meine beiden Gepäckstücke aufnahm, an die Zollbarriere ging und den Zöllner anherrschte, zwei weiße Kreuze aufs Gepäck zu kritzeln. In der Empfangshalle des Flughafens übergab er mich an einen gutaussehenden Grandseigneur. Wie sich schnell herausstellte, war es mein zukünftiger Chef und Resident für die nächsten zwölf Monate. Der Boss war Großfürst, geboren in Russland, eine Romanow-Seitenlinie, und während der Russischen Revolution mit den Eltern in die Schweiz geflüchtet und dann nach Paris emigriert. Dort verdiente er sich auf dem Bau sein Architekturstudium. Schließlich konstruierte er den Dachgarten von Josefine Baker. Während des Krieges wollte er, gegen alle guten Ratschläge, Geld von einem Konto in Deutschland retten, wurde festgehalten und auf Grund seiner enormen Sprachkenntnisse (acht Sprachen) zu den „Brandenburgern“ gepresst. Gegen Ende des Krieges war er Adjutant von General Braun, dem Gegenspieler Gehlens, der damals die Abteilung „Fremde Heere Ost“ leitete. Der Großfürst war mir auf Anhieb sympathisch und im Nachhinein einer der sozialsten Arbeitgeber, die ich je hatte. Der baumlange Kongolese wurde mir als Lieutenant Colonel Pierre Efomi vom Service de la Présidence vorgestellt. Er war auch zeitweise mein Ansprech-partner bei Problemen oder wenn ich alleine vor Ort die Stellung halten musste. Die Fahrt von Ndili nach Kinshasa war grauenhaft. Mir kam im Dunkeln alles vor wie ein einziger Ameisenhaufen; es roch nach Exkrementen und Rauch, und überall war es feucht. Gott sei Dank war unser Haus in Ngaliema so weit in Ordnung und bewohnbar. Wir tranken zusammen noch einen Begrüßungstrunk, und dann war ich erledigt. Am nächsten Morgen inspizierte ich meine Verbindungen zur Außenwelt. Die Funkstelle war eine 100+-Watt-Collins-Geräteeinheit mit einem 1000-Watt-„Nachbrenner“. Das sollte für eine erfolgreiche und sichere Funkverbindung nach München reichen. Der Funkraum war zwei mal zwei Meter groß und vollgestopft mit allen möglichen Ersatzteilen, bis hin zur Autokupplung. Das war zwar zweckmäßig, hatte aber nichts in meinem Arbeitsraum zu suchen. Mein abzulösender Kollege lag im Nebenraum in erbärmlichem Zustand. Er hatte mit dem bereits verkauften Dienstwagen einen Unfall verursacht und konnte mir keine Starthilfe geben. Alle vier Extremitäten des Verletzten waren mit Leinen an der Zimmerdecke fixiert. Als ich den Ernst seiner Lage realisiert hatte, zählte für mich nur eins: Erst der Mensch, dann der Dienst. Ich fuhr in die Cité und ging in das Sabena-Büro. Als ich den nächstmöglichen Flug verlangte, zog ich gleich ein ordentliches Bündel „Zaire“ (die damalige Landeswährung mit der Unterteilung in „Makuta“) aus meiner Brusttasche, und sofort starrte die Frau hinter dem Schalter unablässig auf das Geld. Ich erklärte ihr unverzüglich, sie brauche mir gar nicht erst zu erklären, dass es keinen Flug gebe, sondern wir könnten gleich den Preis für das Ticket aushandeln, und zwar Business-Class, da mein Kollege nach einem Unfall sofort zur Behandlung nach Deutschland müsse. Das von den Dänen finanzierte zehnstöckige Krankenhaus war längst eine Ruine, die Geräte verkauft und die weißen Ärzte wieder in Europa, da man ihnen keine Gehälter zahlte. Wie so oft eine sinnlose Verschwendung von Steuergeldern. Jedenfalls konnte ich meinen Kollegen umgehend für die Heimreise vorbereiten und der Sabena-Crew übergeben, die sich sehr um den armen Kerl kümmerte. Danach ging ich daran, die Funkstelle neu zu ordnen. Ich fand eine Menge Raritäten, die aufbewahrt werden mussten. Alle Geräte wurden in doppelter Ausfertigung installiert und im Wechsel betrieben, so dass eine ständige Betriebsbereitschaft gewährleistet war. Das war auch notwendig, denn Zaire war damals schon ein Unruheherd, den der ehemalige Schuhputzer eines belgischen Offiziers, Sese Seko (Mobutu), nur durch ordentliches Abfüttern seiner Offiziere und mit Brutalität beherrschen konnte. Patrice Lumumba, Kasavubu und andere waren uns alle noch in Erinnerung. Ein deutscher Oberst bastelte deshalb Sicherheitsstudien, um die deutsche Kolonie in Form von Rückzugsgefechten sicher aus Zaire herausführen zu können. Dazu waren sogar Maschinengewehr-nester an den „Étoiles“, den Kreisverkehren auf dem Boulevard, mitten in Kinshasa geplant. Der Rückzug sollte über Gärten und Hinterhöfe erfolgen. Alles in allem eine Utopie, für die ein Kenner der Verhältnisse in Afrika nur ein müdes Lächeln übrighatte. Die Tage waren ausgefüllt mit umfassender Berichterstattung. Die Nachrichten mussten in ordentliches Deutsch umgesetzt und danach chiffriert werden, damit sie per Funk nach Pullach übermittelt werden konnten. Dazwischen lag auch noch eine sogenannte Blindfunklinie, die einseitig, ohne Gegenstelle, betrieben werden musste. Bis das eingehende Material dechiffriert war und endlich auf dem Tisch lag, verging viel Zeit. Anschließend konnte der Chef und Fürst Alexander sein brillantes Französisch spielen lassen, bevor die für die Présidence bestimmten Meldungen ausgeliefert werden konnten. Das musste ein Ende haben. Bei den allgemeinen Bedingungen, die vor Ort herrschten, war das nicht zumutbar. So schafften wir nach ausführlicher Diskussion diesen Unsinn ab, und ich richtete eine Direktfunklinie nach Pullach ein. Das hatte den Vorteil, dass Nachfragen zum Text sofort erfolgen konnten und somit keine Probleme mit dem Chiffrat entstanden. Der direkte Weg ist mit Sicherheit immer der beste. Im Ergebnis war es selbst meinem Residenten aufgefallen, dass wir mit weniger Zeitaufwand mehr erreichen konnten. Fortan genehmigte ich es mir täglich, die Zeit ab vierzehn Uhr auf dem Tennisplatz zu verbringen. Die Arbeit mit „meinem“ Großfürsten war völlig unproblematisch, und ich konnte eine Menge lernen, wie man auch in Krisengebieten stilvoll leben kann und nicht verwahrlosen muss. Unser Wohnraum war fast 60 Quadratmeter groß. Nach dem Essen wurde der Tee an einer gesonderten Sitzgruppe serviert. Das war die Zeit für Gespräche. Auch privat kamen wir uns näher. Er hatte schon ein bewegtes Leben hinter sich, was ich mit meinen damals 31 Jahren nicht gerade behaupten konnte. Er hat mich geprägt, aber nicht durch Druck oder Forderungen, sondern durch seine ruhige, sachliche Lebensweise, die mir einfach nachahmenswert erschien und die ich teilweise bis zum heutigen Tag beibehalten habe. Alexander sprach, wie erwähnt, immerhin acht Sprachen, wobei er Deutsch nicht so besonders beherrschte und Englisch überhaupt nicht. Dafür war mein Französisch mangelhaft und wurde vor Ort sogar noch schlechter, aber der Wortschatz wuchs dennoch. So kamen wir schnell zur Arbeitsteilung. Alles Französische, das zu Papier gebracht werden musste, war sein Part. Alles Deutsche übernahm ich. Außerdem bekam ich täglich Hausaufgaben vom Chef. Während er sein Mittagsschläfchen machte, büffelte ich die französische Sprache. Innerhalb kurzer Zeit konnte ich die Residentur mit allen Nebentätigkeiten führen. In Kinshasa spricht man Lingala, das so ähnlich klingt wie Suaheli. Nachdem ich mich näher mit der Sprache auseinandergesetzt hatte, stellte ich meine Bemühungen schnell wieder frustriert ein. Viele Wörter waren in Suaheli gleich und brachten mich völlig durcheinander, und ich begann, beide Sprachen zu mischen. Trotzdem blieb so viel hängen, dass ich später in Pullach einen abgefangenen Funkspruch der Botschaft Zaire nach Tripolis/Libyen brauchbar übersetzen konnte. Allerdings waren dazu zwei Bücher aus der Staatsbibliothek in München nötig, die Padres verfasst hatten. Es handelte sich um eine Verquickung aus Nieder-ländisch und Französisch – Lingala. Viel schwieriger war es anschließend, den eigenen „Experten“ den grausigen Inhalt zu erläutern, damit die Politik keine falschen Schlüsse zog. Eine meiner Hauptaufgaben war es, in Absprache mit dem Residenten die fast tägliche Verbindung zur Sûreté Nationale zu halten und die ständigen Funkverkehre mit der Zentrale in Pullach durchzuführen. Darüber hinaus gab es stets neue Herausforderungen. Die Versorgungslage war äußerst bedenklich. Bestimmte Nahrungsmittel konnte man nur im Rhythmus der ankommenden Schiffe erhalten. Was immer importiert wurde, kostete völlig überzogene Preise. Der aus Belgien importierte Kopfsalat hatte damals einen Preis von umgerechnet 40 D-Mark pro Stück. Der Boy, der die Einkäufe zum Wagen brachte, erhielt zwei Zaire, das entsprach drei DM. Für weniger Bakschisch hätte er mich angespuckt. Einheimische, miserable Tomaten kamen auf 20 Mark pro Kilo. Eine Ananas auf dem Markt vor der Deutschen Botschaft lag ebenfalls bei 20 Mark. Um aus dem allgemeinen Chaos gedanklich etwas loszukommen und auch dem Auge etwas anderes zu gönnen, leisteten wir uns einmal pro Woche eine Pizza bei „Chez Nicola“, der heute noch, in Sorgen ergraut, seine Pizzeria in Kinshasa betreibt. Für diesen Luxus mussten wir jedes Mal drei- bis vierhundert D-Mark berappen. Trotzdem hielten wir, wann immer es möglich war, dieses Ritual aufrecht. Eines Tages waren wir wieder einmal bei „Chez Nicola“ zum Abendessen. Hinter meinem Rücken krachten unregelmäßig undefinierbare Geräusche. Alexander, der mir gegenübersaß, bedeutete mir ganz gentlemanlike, "cool" zu bleiben. Nach und nach stellte sich heraus, dass hinter uns der kongolesische Botschafter aus Moskau dinierte. Da seine bessere Hälfte nicht unbedingt im Umgang mit Hummer und Langusten geübt war, zerquetschte sie das wundervolle Meerestier mit Hilfe ihrer eindrucksvollen Raubtierzähne. Somit erklärte sich die Geräuschkulisse, und ich konnte mich völlig entspannt der Nachspeise widmen. Der Botschafter war übrigens ein sehr lustiger, lockerer und unterhaltsamer Typ und machte seine Witzchen über seine Ehefrau, die sich nach Kräften abmühte. Am Ende der „Orgie“ luden wir beide zum Espresso an unseren Tisch. Diese Geste war es wert. Der Botschafter weihte uns in seine Probleme in Moskau ein und gab eine unglaubliche Geschichte zum Besten, die uns alle herzhaft zum Lachen brachte: Eines Tages kamen in Moskau russische „Beamte“ zur Kongolesischen Botschaft und konfiszierten den Dienstwagen des Botschafters mit dem Hinweis, der Wagen müsse einer technischen Kontrolle unterzogen werden. Nach vier Tagen wurde der Dienstwagen ordnungsgemäß zurückgegeben, und alles war scheinbar in Ordnung. Der kongolesische Botschafter traute der Sache nicht und fuhr mit dem Wagen zu den Amerikanern, mit der Bitte, das Fahrzeug zu überprüfen. Spezialisten der US-Botschaft untersuchten das Auto und entdeckten vier „Wanzen“, also versteckte Mikrofone. Der Botschafter bedankte sich artig, fuhr nach Hause und berichtete umgehend den Vorfall an seinen Staatspräsidenten Mobuto. Dieser sann auf Rache. Eines Tages schickte er drei Polizisten der Sûreté Nationale bei der Russischen Botschaft in Kinshasa vorbei, nahm beide Dienstfahrzeuge mit und erklärte: „Pardon, technische Überprüfung.“ Die Russen waren erbost, denn sie wussten ja nichts von dem Vorfall in Moskau. Die Wagen wurde beschlagnahmt und landete im Hof der Sûreté Nationale. Ich sah sie auch dort stehen, konnte mir aber nicht erklären, warum. Nach 14 Tagen wurden die beiden Wagen, ohne dass etwas daran verändert worden wäre, an die Russische Botschaft zurück gegeben. Zwischenzeitlich hatte es wohl bei den Russen in Kinshasa „geklingelt“. Die Fahrzeuge wurden aufgebockt und nach und nach in ihre Einzelteile zerlegt. Auch das hatte ich beim täglichen Vorbeifahren bemerkt! Am Ende der Aktion war nur noch der jeweilige Rahmen der Dienstwagen vorhanden. Gefunden wurde natürlich nichts. Die Fahrzeuge waren somit unbrauchbar geworden und rotteten fortan in der Sonne vor sich hin. Ein weiterer Nadelstich Mobutus war die anschließende komplette Überprüfung des Personalstandes der Russischen Botschaft. Schließlich fand man 16 Mann zu viel an Bord. Die Illegalen waren bei Freundschaftsbezeugungen, wie Fußballspielen oder Flottenbesuchen, illegal im Land geblieben, mit dem Auftrag, die bevorstehenden Wahlen zu beeinflussen. Sie wurden allesamt ausgewiesen ... |